HASSFURT. Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Auf diesen Punkt lässt sich das umfangreiche Referat von Dr. Ulrich Walwei, Vizepräsident des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, bringen. Sein Vortrag „Gehen uns im Aufschwung die Fachkräfte aus?“ stieß bei der diesjährigen Vollversammlung der IHK Würzburg-Schweinfurt im Haßfurter Landratsamt auf großes Interesse.
In seinem Grußwort sprach Landrat Rudolf Handwerker von einer dramatischen Entwicklung. Dem Haßbergekreis, analysierte er, werden nicht nur die Fachkräfte, sondern allgemein die Arbeitskräfte ausgehen. Die derzeit hier lebenden 31.500 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten schrumpfen in den nächsten 20 Jahren um ca. 10.000 – für viele Betriebe existenzgefährdend!
Um zu retten, was zu retten ist, will der Kreischef stille Reserven mobilisieren. Damit mehr Frauen berufstätig werden, warb er im vollbesetzten Sitzungssaal vor über 50 Unternehmern um flexiblere Arbeitszeiten, Betriebskindergärten oder betriebseigene Shuttlebusse. Nur diejenige Firma werde künftig im harten Wettbewerb erfolgreich sein, die ihre Mitarbeiter langfristig an sich binden könne, lautete seine Schlussfolgerung.
Die Empfehlungen von Dr. Walwei zielten in dieselbe Richtung. Mit flächendeckenden Angeboten zur Kinderbetreuung, Teilzeitmodellen und durch eine Bildungsoffensive sollen weibliche Personalreserven erschlossen werden. Da Bildung die „Fahrkarte für eine lange Lebensarbeitszeit“ sei, müsse „der Bildungshunger in der Gesellschaft neu entfacht“ werden, lautete sein Appell an die Verantwortlichen.
Die Zeichen der Zeit hat man bei dem Königsberger Traditionsunternehmen Fränkische Rohrwerke längst erkannt. Hier setzt man auf ein bewährtes Instrument – die betriebliche Ausbildung. „Seit langer Zeit haben wir über den konkreten Bedarf hinaus ausgebildet und unseren eigenen qualifizierten Nachwuchs herangezogen, das zahlt sich jetzt aus“, sagte im Gespräch mit unserer Zeitung der geschäftsführende Gesellschafter Otto Kirchner, der auch als Vizepräsident der IHK Würzburg-Schweinfurt fungiert.
Obwohl die mittelständische Firmengruppe mit zwölf Auslands-TochterÂgesellschaften seit dem Krisenjahr 2009 wieder mit zweistelligen Zuwachszahlen glänzt, bleibt der Unternehmer Kirchner auf dem Teppich. „Der Arbeitsmarkt“, führte er weiter aus, „ist so leergefegt, wie ich es in den letzten 20 Jahren nicht erlebt habe“. Dieser volkswirtschaftlich begrüßenswerte Trend zur Vollbeschäftigung habe für die einzelnen Betriebe leider nachteilige Effekte.
Zum einen treffe man im Basisbereich mitunter auf eine mangelnde Motivation und unzulängliche Arbeitseinstellung, zum anderen müsse man länger nach Spezialisten und erfahrenen Führungskräften suchen, erläuterte der erfolgreiche Firmeninhaber. So konnte beispielsweise beim Königsberger Wellrohrhersteller eine hoch qualifizierte Schlüsselposition – mangels geeigneter Bewerber - nicht besetzt werden.
Diese Erfahrung hat man auch in Haßfurt bei Uponor gemacht. Ideale Kandidaten für ehrgeizige Aufgaben und Herausforderungen sind manchmal schwer zu finden, berichteten die Personaler Nina Mally und Guido Scharch. Ein Blick in die Online-Stellenbörse des Unternehmens könnte sich für Arbeitsuchende durchaus lohnen.
Um dem drohenden Mangel an akademischen Kräften gegenzusteuern, kooperiert man in der Kreisstadt am Main immer stärker mit Schulen und Hochschulen, forciert die interne Weiterbildung und rekrutiert die Arbeitskräfte zunehmend aus dem Ausland. Aus Litauen, Lettland, Serbien, der Ukraine und demnächst aus Südafrika kommen mittlerweile Ingenieure und Techniker, die hier in Lohn und Brot sind.
Für eine gesteuerte Zuwanderung plädierte auch Arbeitsmarktexperte Dr. Walwei. Wenn man attraktive Arbeits- und Lebensbedingungen bieten könne, sei sogar eine entsprechende Werbekampagne sinnvoll, meinte der Fachmann. Arbeitskräfte-Kampagnen gab es in der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders in den 60er Jahren schon mal. Mit Blick auf drohende Folgekosten hält Landrat Handwerker heute eine Zuwanderung jedoch nur aus „Kulturkreisen mit christlichem Ursprung, beispielsweise aus Brasilien“, für sinnvoll.